2009 T 8_8_8 Wandarbeit, Acryl auf Japanpapier, 3,08 x 15,20 m
T 18 wie T 8
T 17 wie T 8
T 11 wie T_8
T 8 Acryl auf Leinwand, 70 x 70 cm
2008 MT_12_36_70 Tusche auf Japanpapier, KUBUS Städtische Galerie Hannover
2007 P7_6.18.38 8-teilig Acryl auf Leinwand, je 40 x 160 cm
Stetige Progression Wandarbeit, Silikatfarbe auf Mauerwerk, Landesparlament Liechtenstein, Vaduz
Lichtlinien Sparkasse Mittelthüringen, Erfurt
2006 MT 11_176 Wandarbeit, Tusche auf Japanpapier, Museum Ritter, Waldenbuch
wallpainting  II Wandarbeit, Tusche auf Japanpapier,  Gesellschaft der Freunde junger Kunst Baden-Baden e.V.
2005 Nystagmus Wandarbeit, Tusche auf Japanpapier, Städtische Galerie Ostfildern
T 8_12 wie T 8_13.3
T 8_0 wie T 8_13.3
T 8_13 0 wie T 8_13.3
T 8_13.3 Acryl auf Leinwand, 70 x 70 cm
T 4_3 Tusche auf Bütten, 70 x 70 cm
T 4_2 Tusche auf Bütten, 50 x 50 cm
T 4_1 Tusche auf Bütten, 40 x 40 cm
2004 P 1_2.2 wie T 8_0
T 8_13_9 wie T 8_0
T 8_13.3 wie T 8_0
T 8_13.2 wie T 8_0
T 8_13.1 wie T 8_0
T 8_12.3 wie T 8_0
T 8_12.2 wie T 8_0
T 8_12.1 wie T 8_0
T 8_13 wie T 8_0
T 8_12 wie T 8_0
T 8_0 Tusche auf Bütten, 50 x 50 cm
T 7_4.2 wie T 4_5
T 7_4.1 wie T 4_5
T 4_5 Tusche auf Bütten, 100 x 100 cm
M 6-1 Tusche auf Bütten, 172 x 49 cm
M ahrenshoopensis Tusche auf Büttenpapier 217,5 x 152,5 cm
wallpainting I farbiges Klebeband, 13,50 m x 3,5 m

Nystagmus
 Sabine Laidigs Arbeiten konfrontieren den Betrachter mit einer minimalistischen Optik. Weiße Flächen sind überzogen von unterschiedlich langen, meist farbigen Strichcodes. Wie bei Morsezeichen ist deren Abfolge von einem geheimen, variierten Rhythmus bestimmt. Ein unterschiedlich breiter Abstand zum Blattrand verschafft der offenen Konfiguration in der Verdichtung zum Quadrat Gemälde artigen Charakter. Auch ohne zunächst die Hintergründe der Arbeit zu kennen, erspürt der Betrachter eine konzeptuelle Strenge und Freiheit des bildnerischen Auftritts, die sich jenseits des Gegenständlichen entwickelt. Und er spürt die unterschwellige Musikalität sowohl in der Einzelarbeit wie in deren Arrangement innerhalb eines Ausstellungszusammenhangs. 
 
 Die Präsentation in Ostfildern umfasst mehrere Werkgruppen. Höhe- und Mittelpunkt ist im zentralen Ausstellungsraum eine Wandarbeit. Über die gesamte Wandfläche treffen in einer zeilenweisen Organisation karminrote und lichtgelbe Quadrate aufeinander. Die zwei Farben befinden sich am jeweiligen Ende der Lichtskala und ergeben einen optisch pulsierenden Effekt: Während die roten Flächen vorzutreten scheinen, treten die gelben zurück. Hinter der perfekten Erscheinung verbirgt sich präzise Handwerklichkeit. Bei den einzelnen Quadraten handelt sich um in Farbe getränktes Japanpapier, das mit der Hand zugeschnitten wurde. Die Farbfelder wurden mit Maurerschnüren und Vermessungsgeräten von Helfern an der Wand platziert.
 
 An diese Wandarbeit knüpft der Titel der Ausstellung an: Nystagmus ist ein medizinischer Fachbegriff. Er bezeichnet ein krankhaftes, unwillkürliches Zittern des Augapfels. Die dadurch verursachte Überblendung von Einzelbildern im Gehirn beeinträchtigt die menschliche Wahrnehmung und zieht Gleichgewichtsstörungen nach sich.
 
 Laidigs Hauptmalmittel ist farbige Tusche, die mit der breitesten handelsüblichen Feder auf die Fläche aufgebracht wird. Die Fließeigenschaft der Tusche, wahrnehmbar an der abnehmenden Farbintensität, offenbart ein zeitliches Element im Herstellungsprozess. In der Wahl des Malmittels – wie übrigens auch in der Wahl des Ausstellungstitels – zeigt sich ein hintergründiger Aspekt. Die Arbeit von Sabine Laidig, die auf den ersten Blick reduziert zu sein scheint auf die elementaren Bezugsgrößen Farbe und Form, enthüllt dem Betrachter nach und nach sinnliche malerische und atmosphärische Qualitäten. Hierbei spielt die Lichtdurchlässigkeit der Tusche eine maßgebliche Rolle; die Farbigkeit ist von den Bedingungen des Raumlichtes ebenso abhängig wie von der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters.
 
 Allen Arbeiten ist gemeinsam, dass sie Variationen auf das älteste Ornament der Kulturgeschichte, den Mäander, sind. Das Lexikon definiert den Mäander als „rechtwinklig oder spiralförmiges geschwungenes, fortlaufendes Zierband“. Seine Form sei vom Fluss Mäandros in Kleinasien abgeleitet. Schon in der Archaik galt der Mäander aber nicht als abstraktes Schmuckornament, sondern als Symbol einer absolut harmonischen, gleichmäßigen und rhythmischen Bewegung durch die Zeit. Gerade vor dem Hintergrund unserer medialisierten Zeit mit ihrer Bilderflut beweist der Mäander als ornamentaler, universeller Gegenentwurf seine ungebrochene Aktualität und Modernität. Er steht zugleich als Bild für die Grundeigenschaft des Lebens, welches in der Zeit fortschreitet, ohne dass es je in seiner Totalität zu überblicken wäre. 
 
 Sabine Laidig interessiert, was passiert, wenn man mit minimalen Eingriffen nicht die Form des Mäanders an sich verändert, wohl aber rhythmisiert. Am Computer, wo die Grundform abgespeichert ist, gibt sie Frequenzen und Taktungen vor, mittels derer sie den fortlaufenden Fluss des Mäanders unterbricht. Sie definiert das An- und Abwesende der Form, überträgt das Ergebnis anschließend mechanisch auf einen Bildträger – Papier, Leinwand, Mauerwerk – . Die äußere Form beruht also auf einer mathematischen Operation am Bildschirm. Sämtliche bisherige Operationen hat die Künstlerin in einem digitalen Archiv gespeichert. Bislang gibt es nicht eine einzige Wiederholung, alle neuen Variationen und malerischen Varianten setzen das Werk in die Zukunft fort. 
 
 Ein Stipendium in Ahrenshoop führte die Künstlerin mit einem Musiker zusammen, der sowohl im inhaltlichen Ansatz wie in der Ästhetik Analogien zur mittelalterlichen Komponierweise und Notation, wie sie uns in mittelalterlichen Schriften überliefert ist, erkannte. Mutet die Kunst von Sabine Laidig zunächst als intellektuelle und digitale Spielerei an, so manifestiert sich, vor dem Hintergrund dieser Beobachtung, etwas Grundsätzliches in diesem Werk und seine Verbindung zu allgemeingültigen Prinzipien, die über die Jahrhunderte Bestand haben. 
 
 Bewusst entzieht sich Sabine Laidig mit ihrem konzeptuellen Ansatz der Vorstellung vom ingeniösen Künstler, der der Welt eine eigene, subjektiv gefärbte Realität gegenüberstellt. Stattdessen entwirft sie eine autonome Bildlichkeit, die, weil sie auf objektiven Tatbeständen und Operationen beruht, plötzlich anderen dadurch selbstverständlich die Chance zur Partizipation ermöglicht. In der Umsetzung von Vorlagen, wie im Fall der großen Wandarbeit, wird für den Einzelnen die Faszination, Kunstwerke zu schaffen und das Erlebnis der Musikalität im Werk von Sabine Laidig unmittelbar wirksam und unvergesslich. 
 
 Eva-Marina Froitzheim