2011 Trio 3 3-teilig wie Trio 1
Trio 2 3-teilig wie Trio 1
Trio 1 3-teilig Pigmentstift auf Bütten, 40 x 40 cm
Duo 6 2-teilig wie Duo 1
Duo 4 2-teilig wie Duo 1
Duo 5 2-teilig wie Duo 1
Duo 3 2-teilig wie Duo 1
2010 Duo 2 2-teilig wie Duo 1
Duo 1 2-teilig Pigmentstift auf Bütten, 40 x 40 cm
Cirrus 3-teilig Tusche auf Bütten, 70 x 70 cm
T 4.02 wie T 4.01
T 4.01 Acryl und Pigmentstift auf Leinwand, 180 x 180 cm
2009 odore aspergere II 4-teilig Pigmentstift auf Bütten, 40 x 40 cm
odore aspergere I 3-teilig Pigmentstift auf Bütten, 40 x 40 cm
T 4 Acryl und Pigmentstift auf Leinwand, 180 x 180 cm
T 4.3. wie T 4.2
T 4.2 Acryl und Pigmentstift auf Leinwand, 150 x 150 cm
T 4.1 Acryl auf Leinwand, 150 x 150 cm

Einführung in die Ausstellung " low frequency"

Galerie im Turm 17. März 2011

Groß ist der Gegensatz der Arbeiten von Sabine Laidig zu den bisher hier gezeigten Werken vieler Künstler aus Berlin und des In- oder Auslandes. Manche mögen, wenn sie in die Galerie eintreten, sagen, wir sehen nichts. Ich möchte aber versuchen, Ihnen dieses „Nichts“,- die Kunst Sabine Laidigs -, mit meinen Worten ein wenig sichtbar zu machen. Sabine Laidig stellt in der Galerie im Turm Arbeiten von 2009 und 2010 aus und in Berlin überhaupt sind ihre Arbeiten erst zum zweiten Mal öffentlich zu sehen. Im vergangenen Jahr zeigte sie eine temporäre Wandgestaltung und einige großformatige Leinwände in der Galerie parterre, gemeinsam mit Susanne Fleischhacker. Die 1960 in Sindelfingen geborene Künstlerin studierte in Stuttgart und Frankfurt am Main, sie unterrichtete 1989-99 in Ludwigsburg, seit 1997 in Trier, 2005 in Greifswald und Rostock. 1997-98 legte sie ein Postgraduiertenstudium in Japanologie ab und absolvierte einen Studienaufenthalt in Japan und das vor allem war  für die Entwicklung ihres weiteren künstlerischen Werkes von großer Bedeutung. Nicht unerwähnt sollte sein, dass Sabine Laidig mehrere Preise erhielt und Wettbewerbe im Bereich von Kunst am oder im Bau (z.B. Landtagsgebäude im Fürstentum Liechtenstein 2008/9) erfolgreich abschloss. Was wir heute hier sehen, aber auch nur dann sehen, wenn wir konzentriert hinsehen, wenn wir uns „meditativ“ auf diese Zeichnungen einlassen, so erleben wir etwas sehr Besonderes, denn Sabine Laidig gelingt es,  „Rationalität und Intuition“ gleichermaßen ins Spiel zu bringen und miteinander zu verbinden. Der Entstehungs- und Arbeitsprozess dieser Arbeiten geschieht in höchster Konzentration, in einer meditativen Stimmung, die sich auf den Betrachter überträgt. Die von der Künstlerin  in Japan gemachten Erfahrungen finden hier ihre schöpferische Umsetzung.  Die Zeit, die sie für diese Arbeiten verwendet, ist in ihnen aufgehoben, und wenigstens einen Bruchteil dieser Zeit sollte man auch für ein aufmerksames HINSEHEN verwenden. Feinste, dünn gezogene Farblinien mit Pigmentstiften oder mit Tuschen überziehen in strenger Parallelität das Weiß des Papiers, sie bilden kleine und kleinste Quadrate von  2 bis 8 mm und  besitzen einen Abstand bis zu 1 mm. Erst bei konzentrierter Betrachtung entfaltet sich die volle Wirkung, entwickelt sich eine Progression von Blatt zu Blatt. Es entsteht ein geistig-abstrakter Dialog, der sowohl auf dem Bildträger zwischen der subtilen Farbigkeit und der blendenden Helligkeit des Papierweiß, bzw. der  Leinwand stattfindet. Laidig betitelte die beiden Zyklen auf Papier einmal odore aspergere (schwebender Duft/ Hauch) – das ist der Zyklus von 7 Blättern mit orangefarbenen Quadraten auf Hahnemühle Bütten mit Pigmentstiften gezeichnet (an der Eingangswand). Diese Quadrate bilden wiederum auf dem Blatt von 40 x 40 cm ein Quadrat von 25 x 25 cm, das durch die frei gelassenen Papierränder wie ein orangefarbener Hauch zu schweben scheint. Eine weitere Dialogebene ergibt sich aber auch aus der Konsequenz und Strenge der Komposition und der Sinnlichkeit des Gesamteindrucks,  und dieser entwickelt sich zwischen Kunstwerk und Betrachter selbst. Der zweite Zyklus, von drei Blättern, cirrus benannt, ist mit graublauer Tusche auf hartem Velin in einer Blattgröße von 70 x 70 cm ausgeführt (Stirnwand). Hier sind die Quadratnetze  von 12 x 12 über 11 x 11 zu 10 x10 Quadraten in der Größe von 2,5 cm gesteigert. Die Intervalle bewegen sich zwischen 2,2, 2,3 und 2,5 cm jeweils in einer Progression von 5 mm und lassen ringsum einen 8 cm breiten Papierrand. Dieser weiße Rand vermag es, auch die Quadratnetze leicht wie Cirrus - Wolken  erscheinen zu lassen, die sich gleichsam vom Papierweiß erheben. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich nenne diese Größenangaben deshalb so genau, da sie präzise kalkuliert sind, um den gewünschten Effekt hervorzurufen. Auf die Berechnungen im Vorfeld kommt es an und auf die Abmessungen in der Ausführung. Nach längerem Hinschauen, nach einem sich Einlassen auf das, was da scheinbar ein NICHTS ist, scheinen die Zeichnungen, wie auch die Malerei,  aus sich heraus zu erstrahlen, Licht zu verströmen, obwohl die vermeintliche Farblosigkeit,  Farbtöne von lichtem Graublau oder hellem Orange, von gelb-, rot- oder kühlem blaustichigem Weiß auf dem Weiß der Leinwände oder der Papiere kaum wahrnehmbar sind, aber dennoch reflektieren. So entwickelt sich ein Lichtraum zwischen der Farboberfläche auf dem Blatt oder der Leinwand und dem Auge (Netzhaut) des Betrachters. Die so entstehende Vibration und Bewegung, das Vor und Zurück der Raster, wenn sie wollen, die Lichtfrequenzen, vermögen auch das Auge des Betrachters in Schwingungen zu versetzen, wenn Sie es zulassen. Außerdem kommt es bei all ihren Arbeiten sehr auf die Beleuchtung des Raumes an, auf den Lichteinfall, auf Tages- oder Kunstlicht. Daher  kann es sein, dass Zeichnungen und Leinwände stets einen anderen, einen neuen und überraschenden Ausdruck vermitteln. Mit einfachen technischen Mitteln, einer vorbereiteten Maske mit den gewünschten  Millimeterangaben, einem Lineal und einem Pigmentstift oder einer Bandzugfeder und Tusche, mit möglichst wenig Farbe, wie die Beispiele hier zeigen, zeichnet die Künstlerin waagerecht die Netze. Auf scheinbar geheimnisvolle Weise gelingt es ihr, Licht, Raum und Tiefe auf dem Papier zu erzeugen, obwohl sie die Wirkung, wie schon gesagt,  zuvor genau  berechnet hat und dem Resultat viele experimentelle Versuche vorausgehen. Viele Testreihen sind notwendig, um die beste Leuchtkraft auf dem Papier zu erreichen. Kalkulation und Experiment machen ihre Arbeiten gleichermaßen interessant und führen zu überraschenden Möglichkeiten. Es ist schon erstaunlich, dass die Reduktion auf NUR lineare Abläufe, auf ein scheinbar spannungsloses Fließen ohne Ausdruck, dass diese parallel gezogenen Liniennetze und  Quadratraster wie bei einem Geigenton  ein leichtes, kaum wahrnehmbares Vibrato, ein Atmen, ein Pulsieren hervorrufen, das die Künstlerin als low frequency empfindet oder, wenn Sie wollen auch als high freqency  wahrzunehmen und zu spüren ist.  Die Liniennetze schweben sozusagen leicht über den Strukturen des Papiers. Dabei kommt dem Zwischenraum, dem berechneten Intervall oder, wenn man will, den langen oder kurzen Pausen im Gesamterscheinungsbild die gleiche Bedeutung zu. Erst Linie/Quadrat und Intervall gemeinsam ergeben die gewünschte Balance.  Beiden Motiven, den Quadrat-, wie den Rasterkompositionen wohnt ein Rhythmus inne, der hohe Musikalität vermittelt , die der Betrachter vielleicht  mehr hören, mehr empfinden, als velleicht sehen kann. Sabine Laidigs  Arbeiten führen zweifelsohne verstärkt zu einer „Differenzierung der Wahrnehmung“. Die drei Acrylarbeiten auf Leinwand im Format 180 x 180 cm aus dem Jahre 2009 wurden aus Laidigs bevorzugtem Grundmuster des Mäanders, der sich aus kleinsten quadratischen Farbfeldern ergibt, die in konsequenter und messbarer Regelmäßigkeit die Leinwände strukturieren und sich spannungsvoll vom weißen Grund abheben, entwickelt. Das Mäander-Motiv formiert sich immer wieder neu aus den scheinbar, aber genau berechneten, flirrenden, unruhigen Strukturen der Kleinquadrate und den durch sie entstehenden Leerräumen auf der Leinwand. Sabine Laidig berechnet Größen und Abstände präzise am Rechner, lässt nach diesen Berechnungen Plotts anfertigen, die sie wie Schablonen auf die Leinwände überträgt und die sie dann durch Weiß und wenig Farbigkeit zum Leuchten bringt. Die in dieser Ausstellung zu betrachtenden Quadrat-Ordnungen, die bis hart an die Bildränder geführt sind strömen  mehr Ruhe, mehr Stille aus als die Mäanderkompositionen. Diese Ordnungen von Quadratgrößen 2,5 x 2,5 cm  lassen Diagonalen, Durchblicke, Kristalle, Rhomben und Freiräume entstehen. Durch den Wechsel der bis zu 7 Schichten mit Weiß und wenig Farbe aufgefüllten Quadrate mit jenen, die nur mit graublauem Pigmentstift konturiert erscheinen, entwickeln sich Farb- und Lichtreflexe auf den weiß grundierten Leinwänden. Dabei ist es notwendig die Farbschichten auf dem Quadratweiß offen und transparent zu belassen, damit sie einander aufnehmen und integrieren können. Die kaum wahrnehmbare leicht farbige Tonalität der weiß grundierten Leinwände in zartestem gelbstichigem, rötlichen oder bläulichen Licht entwickelt sich  erst in der Distanz und je nach äußerem Lichteinfall. Erst mit Abstand nimmt der Betrachter wahr, dass ein sanft aufscheinender Farbton aufschimmert, der einen schwingenden Lichtraum erzeugt und der die Leinwände durch Licht „geflutet“ erscheinen lässt. Auch hier ist ein Rhythmus von vor- und zurücktretenden Quadraten, den farbig ausgefüllten und den „ nur“ gerahmten, zu beobachten, die eine große Räumlichkeit und eben die schon genannte Lichtfülle erzeugen. Sabine Laidigs Papierarbeiten und Leinwände erfordern daher eine kontemplative Wahrnehmung, sie erfordern den Wechsel des Standortes, der von möglichst großer Blickentfernung bis zu körperlicher Nähe sich erstrecken sollte. Erst dann ist es möglich, jede minimale Schwingung im entstandenen Lichtraum ihrer Arbeiten auch aufzunehmen. Jede Blattfolge, jede Leinwand fußt auf einem genau erdachten und berechnetem Konzept, auf präzisen Abmessungen, die Sabine Laidig immer wieder zu neuen künstlerischen Entscheidungen zwingen, sei es im genau berechneten Zusammenspiel der Farblinien oder in der Setzung einer gedachten rhythmischen Ordnung des Quadrats. Ihre Zeichnungen sind Umsetzungen einer reinen Idee. Sie arbeitet in Serien, in Folgen, um die Motive von Quadrat und Linie, um die Idee variieren und abwandeln zu können. Eine Arbeit führt zu der nächsten. Alle Arbeiten werden liegend auf dem Tisch gezeichnet und die ausgewählten Farben bestimmen die „Lichtfrequenzen“, die Bewegung, den Rhythmus von Licht und Raum in Zeichnung und Malerei. Obwohl Sabine Laidig  eigene Ausdrucksmittel für ihre künstlerische Arbeit gefunden hat, so steht sie doch in der Tradition der Konkreten Kunst, der Conceptual Art und der Minimal Art, in der die „Typologisierung der Bildsprache“ (Stefan Gronert) entwickelt wurde (u.a. Agnes Martin, Hanne Darboven, Roman Opalka, Robert Ryman, Rudolf de Crignis, und hier in Berlin kennen wir  Horst Bartnig). Ohne Mathematik, ohne eine zugrunde gelegte Gesetzmäßigkeit ist die Ästhetik ihrer Arbeiten, ist diese visuelle Wirkung weder zu erreichen, noch denkbar. Ich wünsche dieser Ausstellung vor allem aufmerksame Betrachter ! Dr. Sibylle Badstübner-Gröger Es gilt das gesprochene Wort. Abdruck nur mit Genehmigung der Autorin.